Welche Assoziationen haben Sie, liebes Publikum, wenn Sie diesen Titel lesen? Lassen Sie mich raten.
Eine Zauberwelt voller schöner Träume, jeder Abend voller überwältigender Emotionen und
Gefühle. Sie schicken uns auf eine spannende und romantische Reise der Selbstfindung. Wir suchen
nach Glück, nach dem Sinn des Lebens und nach Vollkommenheit. Nach etwas Übergeordnetem, das
Antworten auf alle unsere Fragen und Zweifel bereithält. Und diese Reise wird von unbeschreiblich
tiefer, schöner und allmächtiger Musik begleitet, welcher wir nicht widerstehen können und uns bis in
die Tiefe unserer Seele ausgeliefert fühlen. Eine Zauberwelt, wo wir für immer bleiben möchten.
Ist diese Beschreibung ungefähr das, was Sie auch gedacht haben? Als Musikerin stimme ich dieser
Beschreibung 100 % zu! Und genau wie ich hat die überwiegende Mehrheit der Musikerinnen und
Musiker das Gefühl, als «Auserwählte» zu dieser Welt gehören zu dürfen.
Maia Koberidze: Nach ihrem Studium fand die georgische Geigerin ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland, wo sie seit über 30 Jahren die klassische Musiklandschaft mitgestaltet. Seit 2000 ist sie am Theater Freiburg tätig. Parallel dazu vertiefte sie 2006/2009 ihre Expertise durch einen Executive Master in Arts Administration an der Universität Zürich und gründete zwei internationale Kulturfestivals und Künstleragentur Künstlertribüne, die sie auch leitet. Heute verbindet sie diese Erfahrung mit einer Schweizer Hypnosetherapie-Ausbildung in ihrem Mentoring-Programm «Rampensau». Ziel ist es, Künstlern zu Souveränität auf der Bühne und Freiheit von Lampenfieber zu verhelfen.
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https://kuenstler-tribuene.com/ueber-mich-biografie-maia-koberidze/
Hier kommt ein «aber». Diese Welt hat auch eine andere Seite, welche sich hinter den Kulissen abspielt. Und das ist eine harte Realität. Es geht direkt auf die «Knochen» und dabei sind nicht nur der Tanz gemeint, sondern auch Instrumente und Gesang. Die Leistung, welche Profi-Musikerinnen und Musiker liefern, gleicht der Leistung im Profi-Sport. Der Unterschied ist aber, dass ein aktives Leben im Sport nur bis ca. 35 Jahre dauert, die Welt der Musik und des Musiktheaters hingegen bis ins Pensionsalter (als Beispiel in Deutschland 67 Jahre) reicht. Körperliche und mentale Belastungen, unnatürliche Haltung, starke Konkurrenz und das tägliche, mehrstündige Üben seit frühester Kindheit stellen eine enorme Last dar. Hinzu kommen Auftritts-Ängste, die viele Musikerinnen und Musiker oft schon seit dem Kindesalter täglich begleiten und ihr ganzes Leben prägen.
Noch schwieriger macht diese Last, dass es Tabuthemen sind. Zusätzlich zu den Alltagsbelastungen und der «Last des Bühnenwunders» muss alles sehr gut versteckt bleiben. Und zwar vor allen, oft sogar vor der eigenen Familienangehörigen. Viele kommen mit diesem Stresspegel nicht klar. Körper und Geist finden keine Ruhe. Wir brauchen aber Regenerierung nach dem Stress und der Erschöpfung, um unsere Energie aufrechtzuerhalten und unser (Körper-) System funktionsfähig zu halten. Mit den Jahren wird das unerträglich. Das Resultat ist unter anderem Tabletten, Alkohol, Krankheiten (seien es körperliche oder psychische).
Schauen wir an einem ganz normalen Theaterabend hinter die Kulissen oder in den Orchestergraben.
Die durchschnittliche Dauer einer Opern-Vorstellung beträgt ca. 3 Stunden. Versuchen wir nun, nachzuvollziehen, welche Aufgaben beispielsweise eine Geigerin der Gruppe der ersten Violinen bewältigen muss. Betrachten wir nur einige Aspekte ihrer Aufgabe. Als erstes muss sie alle Noten aus ihrer Stimme richtig spielen, das heißt sauber treffen, im richtigen Tempo, in richtiger Dynamik, den richtigen Klangfarben etc. Dabei umfasst eine durchschnittliche Verdi- oder Puccini-Oper ca. 60 Seiten. Ihr Spiel muss im Einklang mit dem ganzen Orchester sein. Die Geigerin muss alles mitbekommen, was alle anderen spielen, und jederzeit bereit sein, auf das Geschehen im Orchestergraben und auf der Bühne zu reagieren. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass nicht alles 100 % läuft? Es geht immer hoch her, denn jede Vorstellung muss jedes Mal «entstehen» und wir sind alle Menschen. Daher ist jeder Abend anders. Die Geigerin ist hoch sensibilisiert und reagiert auf weniger gelungene Stellen (Passagen) sehr empfindlich. Am Ende ist die Belastung und entsprechend die Erschöpfung ist gross! Das ist nur ein Abend aus dem beruflichen Leben einer Geigerin und jeder Tag, sei es Probe, sei es Vorstellung oder Üben, hinterlässt Spuren, welche man verarbeiten muss.
Seit Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Fragen der mentalen Stärke und künstlerischen Authentizität auf der Bühne, Lampenfieber und Bühnenstress. Die wichtigste Erkenntnis auf meinem Weg war, dass innere Ruhe und Ausgeglichenheit die absolute Basis für alles Weitere sind. Die Erfahrungen, die ich in zahlreichen Hypnosesitzungen mit Musikerinnen und Musikern vertiefen durfte, sprechen für sich: Die Menschen, die Entspannungstechniken konsequent anwenden, können ihre Karriere spürbar gesünder und langfristiger gestalten.
Ich glaube fest daran, dass wir als Gemeinschaft die Tabuthemen der Klassischen Musik rund um Belastung und mentale Gesundheit offener angehen dürfen. Regeneration ist in meinen Augen nicht nur ein nettes Extra; sie ist der Schlüsselzu nachhaltiger Leistungsfähigkeit und Gesundheit im Musikbetrieb – eine Notwendigkeit, kein Luxus.
Meine Erfahrung zeigt, wie entscheidend es ist, dass wir uns aktiv um unsere körperliche und mentale Erholung kümmern. Ob durch Achtsamkeit, ausreichend Schlaf oder Entspannungstechniken wie Hypnose: Wir haben die Verantwortung, die Werkzeuge für unser eigenes Wohlbefinden bewusst zu nutzen.